Strangers

Regie: Lorenz Suter

Dauer: 01:23:00

Produktionsjahr: 2020

Produktion: Olivier Zobrist (Langfilm) / Lorenz Suter

Drehbuch: Lorenz Suter

Cast: Nicolas Batthyany, Jeanne Devos, Marina Guerrini, Roger Wolfer, Nina Maria Wyss, Nikolai Bosshardt, Wanda Wylowa, Anna Schinz u.a.

Hauptrolle: Annika Schneider

Kamera: Stefan Künzler, Jasper Granderath

Schnitt: Bigna Tomschin

51. Internationale Hofer Filmtage

53. Solothurner Filmtage: Panorama

39. Filmfestival Max Ophüls Preis: Mop Watchlist

23. Montreal Film Festival FFM

 



Presse

SENNHAUSERS FILMBLOG

 

Zwei Schwestern, die keine sind, ein schweigsamer Antiheld in der Falle und viel Zürcher Lokalkolorit. Strangers eben, Fremde. Das ist die Hommage an den Film noir, der erste Langspielfilm von Lorenz Suter. Ein Film voller Stimmung.

 

Wer kennt den Plot von The Big Sleep? Ja, genau. (...) Kaum jemand könnte die Geschichte sauber nacherzählen. Viel zu komplex, viel zu widersprüchlich. Viel zu noir.

 

Aber wir kennen die Elemente. Die verführerische ältere Schwester: femme fatale oder ehrliche Haut? Die wilde kleine Schwester: lebenslustig oder verantwortungslos? Der Privatdetektiv: schweigsam, melancholisch, einsam. Sein innerer Monolog, die Rekapitulation der Geschehnisse aus seiner Sicht. (...)

 

Und nun liefert uns der Zürcher Lorenz Suter all das in einer stimmigen, witzigen, verwirrenden Mélange mit seinem Spielfilmerstling Strangers. Sein Marlow heisst Tamás (Nicolas Batthyany). Er ist schweigsam, einsam und eine «Gun for hire», das heisst, er verfasst gegen Bezahlung Seminar- und Doktorarbeiten. Qualität ist Ehrensache, vollständige Bezahlung in Bar bei Übergabe ebenfalls.

 

Allerdings wird er dann doch einmal weich, als eine Studentin nicht die ganze Summe zusammenbekommt und stattdessen anbietet, für ihn zu kochen. Er schenkt ihr die Arbeit zum Geburtstag, dreht sich brüsk um und geht davon.

 

Tamás versteht Deutsch, spricht es wohl auch. Aber er denkt und spricht – im klassischen Ich-Erzähler-Off-Monolog, wie auch in den wenigen Szenen, in denen er tatsächlich spricht – ausschliesslich Englisch. Deutsch sei eine «silly language», findet er.

 

In seiner Wohnung taucht immer wieder die schöne Assistenzärztin Norika (Jeanne Devos) auf, übernachtet offenbar auch bei ihm. Sie hätten zusammengelebt, erinnert sich Tamás zu Beginn des Films, beim Verhör auf dem Polizeiposten. Aber nicht als Paar.

 

Auf dem Posten ist er wohl, weil Norika verschwunden ist. Und ihre kleine Wahlschwester Annika (Marina Guerrini) ist überzeugt, da stecke Tamás dahinter. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass sie selber eine Affäre mit dem verstockten Beinah-Lover ihrer Schwester initiiert hatte.

 

Tamás findet sich jedenfalls als Angeklagter wieder in einem seltsamen Fall. Selbst als Norika wieder auftaucht, sind die Vorwürfe nicht vom Tisch. Gestalkt habe er die Schwestern. Schliesslich darf er sich Norika ganz offiziell nicht mehr nähern, muss sich eine Wohnung in einem anderen Zürcher Kreis suchen.

 

Strangers ist ein Film der Stimmungen und der fliessenden Wahrnehmungen. Tamás ist kein zuverlässiger Erzähler, zumal er bald an sich selber und seiner Wahrnehmung zu zweifeln beginnt. Und Lorenz Suter sorgt dafür, dass es auch seinem Kinopublikum nicht besser ergeht.

 

Hat sich Tamás die dauernde Präsenz der schönen Norika in seiner Wohnung bloss gewünscht, eingebildet? Ist das überhaupt seine Wohnung? Ist es nicht eher tatsächlich die von Norika? Eine Sequenz gegen Schluss des Films zeigt den Mann unten in der Gasse und oben in der Wohnung bei der Frau.

 

Strangers ist ein Film voller Zirkelschlüsse, voll seltsamer Symmetrien. Entstanden ist das Ganze über drei Jahre hinweg, mit kleinem Budget und immer aus dem Leben der Protagonisten heraus weiter konstruiert.

 

Als Lorenz Suter die Wohnung gekündigt wurde, bekam eben auch sein Antiheld die Kündigung und musste sich eine neue suchen. (...) So ist ein Film voller Stimmung entstanden, eine traumhaft verwirrende Odyssee durch ein tägliches und vor allem nächtliches Zürich, mit Figuren, die man zu kennen glaubt und die dann doch wieder fremd wirken.

 

Die dauernde Hinterfragung der Wahrnehmung, die Möglichkeit, dass Tamás vielleicht tatsächlich der Stalker sein könnte, zu dem ihn die Schwestern machen – oder eben nicht: Das alles ist wunderbar fliessend inszeniert und montiert. (...) Wie etwa auch Cyril Schäublins Dene wo’s guet geit wagt Strangers das ganz andere, den an der Kinogeschichte geschulten und gerade darum völlig eigenständigen, originellen, packenden Zugang zum Zuschauer und der Zuschauerin über Herz und Kopf und Traum und Erinnerung zugleich. Das ist Kino.

 

CINEMAN

 

Ein Mann und zwei Frauen – aus solcher Konstellation haben sich so manche Dramen entwickelt. Der Zürcher Autor und Filmer Lorenz Suter schickt seinen Antihelden Tamás auf eine mysteriöse Reise zwischen Sehnsüchten, Verlangen und Begehren – und hat mit seinem ersten Langspielfilm gleich einen Pflock eingeschlagen – im Stile des Film Noir.

 

Anfang oder Ende? Der scheue Tamás wird verhört. Eine Frau ist verschwunden, und der junge Mann hat ihr offenbar aufgelauert, hat sie verfolgt – oder umgekehrt? Verwirrend und verzwickt. Tamás (Nicolas Batthyany) hatte bislang ein unscheinbares Leben geführt und sich als Ghostwriter für Studentinnen über Wasser gehalten. Er pflegte eine amouröse Beziehung zur Assistenzärztin Norika (Jeanne Devos). Ein normales Verhältnis eben, könnte man meinen, bis Norikas Schwester Annika (Marina Guerrini) ins Spiel kommt. Die reizt nämlich der Lover ihrer Schwester, sie macht ihm Offerten. Tamás ist schwach, scheint es, und aus der Zweierkiste wird ein Dreiecksverhältnis. Er sitzt in der Patsche, als Annika ihn anklagt.

 

Eine Verwechslung, eine fatale Verführung, ein Eifersuchtsdrama? Zuschauer wie auch der Antiheld werden in ein Katz-und-Maus-Spiel verstrickt, das sich am Ende scheinbar auflöst. Es sind denn auch diese zwei Komponenten, welche den Psycho- und Liebesthriller Strangers prägen: das Vexierspiel von Gefühlen, von Sein und Schein und die düster-melancholische Stimmung im Stile eines Film Noir.

 

Autor Lorenz Suter (Kurzfilm «Der ewige Tourist») versteht seinen Film, der übrigens nichts gemein hat mit dem gleichnamigen Horrorthriller aus dem Jahr 2008, als Hommage an den Film Noir. Kein Gangster- oder Detektivfilm im engsten Sinn, sondern ein fast nächtlicher Streifzug, eine Suche nach einer Wahrheit (oder mehreren). Das Zürcher Strangers-Werk ist zumindest atmosphärisch mit dem Film noir à la Double Indemnity (1944) oder Kiss Me Deadly (1955) verwandt.

 

Eine bemerkenswerte Ensembleleistung allemal, wenn man weiss, dass diese unabhängige Low-Budget-Produktion sich über drei Jahre hinzog – ohne klassisches Drehbuch, sturen Fahrplan und vorgezeichnete Dramaturgie. Ein Wagnis mit Wirkung: Reiz und Herausforderung auch für die Schauspieler, dem Zürcher Nicolas Batthyany, in Wien und Salzburg aufgewachsen, der Zürcherin Marina Guerrini (Little Girl Blue, Der Frosch) und Jeanne Devos aus Appenzell (Alles eis Ding). Respekt!